Warum dieses zähe Kleben am gedruckten Buch angesichts des elektronischen Buchs, am elektronischen Buch angesichts der noch weithin unausgeschöpften und unreflektierten Möglichkeiten der Netzpräsentation? Das Dilemma der Verlage liegt auf der Hand: unter den modernen Distributionsverhältnissen sind sie überflüssig. Ein Computer, ein Netzanschluss und ein paar Programme: mehr ist nicht nötig, um jeden beliebigen Text zu verbreiten und zu kommunizieren. In dieser Hinsicht war der kühl kalkulierte Verzicht auf das lektorierte Buch der Anfang vom Ende einer Branche. Was die Verlage heute verkaufen, ist heiße Luft: die Auszeichnung, von ihnen verlegt zu werden, also Prestige. Den Autoren ist es recht, solange sie daran verdienen. Doch der Faktor Prestige ist ein unsicherer Kandidat. Findet sich dieses nicht, findet sich ein anderes. Es kann auch umschlagen. Die Angst vor dem Vergessen- oder Übersehenwerden ist, alles in allem, ein schlechter Ratgeber.

Kann man zwischen dem Prestige der Verlage und dem eines Buches trennen? Nicht wirklich, auch wenn die Gegenbeispiele scheinbar auf der Hand liegen. Ein berühmtes Buch kann durch viele Verlage gewandert sein; ein Verlag ist so renommiert wie sein Programm. Ein gutes Sortiment verträgt auch schwächere Titel. Ein Verlag, der Klassiker verlegt, ist nicht unbedingt ein Klassikerverlag. Aber er ist ein klassischer Verlag. Das System ist nicht besonders alt, aber es funktioniert noch immer (fast) lückenlos. Allenfalls leidet es an Überfülle – es reicht nicht, von einem bestimmten Verlag herausgebracht zu werden, um wahrgenommen zu werden. Allerdings ist letzteres an sich eine trügerische Größe: es genügt nicht, wahrgenommen zu werden, um wahrgenommen zu werden. Darin liegt vielleicht ein grundlegendes Paradox der Massenkommunikationsgesellschaft.

Das klassische Buch ist ein Fels in der Brandung der Vergänglichkeit. Das wundert den, der sieht, dass zwei Jahre, vielleicht ein Jahr nach dem Erscheinen die Verramschung beginnt. In dieser Spanne muss es erfolgreich sein, also sich verkaufen. Aber es verkauft sich so oder so, regulär oder als Ramsch. Wird dadurch ein Gedanke, der in ihm ausgedrückt ist, besser oder schlechter? Das hat niemand behauptet, die Vorstellung wäre auch absurd. Dennoch ist sie dem System immanent. Dieser Gedanke, diese Geschichte, diese Darstellung einer Sache mag gut, sie mag sehr gut, sie mag ausgezeichnet sein – und sie ist dies alles, denn sonst hätte der Verlag nicht zugegriffen –, aber sie hat sich nicht durchgesetzt, also weg damit. Nicht der Verlag hat versagt (im Gegenteil: er hat alles getan), nicht das System, schließlich ist es die Prestigemaschine, auf die der Autor setzt, sondern der Autor. Worin? Das ist ein Geheimnis – das Geheimnis der Schriftstellerei. Ein Schelm, wer hier von einer Komödie spricht.