Ein Niemandstagebuch benötigt keine Zeitangaben. Es ist eins mit der Zeit, sprechende Zeit, ebenso stumm und beredt wie diese und ebenso schwebend. Die Ordnung der Zeit verdankt sich der Existenz, die Ordnung der Schrift geht aus dem Schreiben hervor, sie ist eine Ordnung von Geschriebenem, ihre Abgründe sind (und bleiben) leer. Die Schrift ist das immer neu zu ordnende, alles Geschriebene bringt Unordnung in die Gedanken, es zwingt zum Umdenken des Gedachten, für jede neue Masche zerfällt eine alte. Das Geordnete ordnen – keine denkbare Tat greift zerstörerischer in das Gewebe aus Ordnungen ein, das die Schrift sowohl ist als auch repräsentiert. Die gute Schrift: besäßen wir sie nicht, sie würde uns neu erfinden, unerbittlich, dicht an einem jeden vorbei, messerscharf unterscheidend, die Überlebenschance für die, die wir sind, stünde bei Null. Vielleicht klammert sich der Einzelne so an sie, weil er die Annulierung fürchtet. Für ihn ist, was vorgeht, ein Ringen, für sie eine Masche. Und so, als Masche, wird gelesen, was einer hinter sich lässt. Da ist der Datumseintrag der letzte Trumpf, denn er mischt die Existenz ins Spiel, ein Nichtsein, dem im Spiegel ein Sein entgegentritt, also den Spiegel. Was, wenn nicht der Spiegel, sollte das Geschriebene sein? Geschrieben in der Nacht, als...: eine solche Biographen-Einflechtung hebt eine Notiz aus der gleichgültigen Reihe des Geschriebenen heraus, gibt, ihr Farbe, Feuer, Beredsamkeit, Bedeutung, kurz: einen Körper. Das notorische Datieren von Einfällen ist Teil der professionellen Verschiebung des Selbst und seiner Artikulation in den Bereich einer absoluten Kommunikation, in der es keine Abstriche gibt. Doch genau das bedeutet Schreiben: Abstriche machen, absehen von der Fülle dessen, was zu sagen wäre, was immer nachdrängt, während der Schreibmund sich bereits wieder schließt. Sobald ein Programm mir die Arbeit des Datierens abnimmt, verschiebt sich die Profession: der Schreibende hat frei und das Schreiben auch. Nicht, dass sie plötzlich geschieden wären, doch gleichgültig sind sie einander schon. Der große Dienstleister sorgt für die Koppelung, aus der – nach wie vor – der Schreibende sein Selbstgefühl zieht: ein Hampelmann, der die Fäden selbst bedient, an denen er zappelt.

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